Stadt, Sand und immer noch nicht Schluss

 

Halb Van, halb Geländewagen - halbherzig? Mit dem Scénic RX4 klettert Renault in die Nische in der Nische. Man darf gespannt sein, was den Franzosen als nächstes einfällt

 

Irgendwann musste es ja so kommen: Es gibt Limousinen, Geländewagen und Vans. Und während man mittler- weile munter Limousinen und Offroader miteinander kreuzt (Volvo Cross Country, Subaru Legacy Outback, Audi allroad), kam bei Vans noch keiner auf diese Idee - bis dato.
Denn jetzt gibt es den Renault Scénic RX4. Das erste Baby aus der Liaison eines Kompakt-Vans mit einem Geländewagen. Dazu wird der brave Scénic mit Allradantrieb ausgerüstet, höher gelegt (um sechs auf 21 Zentimeter Bodenfreiheit) und rustikal eingekleidet. Fertig ist der Gelände-Van. Kein Geländewagen, wie Renault auch in der Betriebsanleitung ausdrücklich betont.
Zu verstecken braucht sich der RX4 deshalb nicht: Die Bodenfreiheit ist auch bei echten Geländewagen nicht größer, die Überhänge sind vorn und hinten schön kurz.
Der Allradantrieb selbst stammt von Steyr-Daimler-Puch und arbeitet mit einer Visco-Kupplung: Drehen die Vorderräder durch, erwärmt sich das Silikonöl in dieser Kupplung, wird steifer und treibt die Hinterachse zunehmend stärker mit an. Maximal 40 Prozent des Drehmoments gelangen so an die Hinterräder. Dazu kommt eine Traktionskontrolle an den Vorderrädern.
Im Alltag funktioniert das alles unauffällig. Wunder sollte man aber nicht erwarten. Der RX4 kann durchaus zu Berghütten, Skiliften oder Bootshäusern kraxeln - doch mehr sollte man ihm einfach nicht zumuten. Dem stehen auch die für gemischten Betrieb (also Straße und Gelände) ausgelegten 16-Zoll-Reifen (Michelin XPC) im Wege, die sich auf losem Untergrund schnell zusetzen. Für schwierigere Passagen fehlen dem RX4 ohnehin Differenzialsperren oder Gelände-Untersetzung.
Und ein durchzugsstarker Diesel - der Zweiliter-Benziner unseres Testwagens hatte trotz kurzer Übersetzung Mühe, den RX4 auf schwierigem Geläuf in Fahrt zu bringen (Alternative: 1.9 dCi mit 102 PS für 45000 Mark).
Auch auf Asphalt wirkt der 2.0 nicht besonders souverän, hier machen sich hohes Leergewicht (plus 215 Kilo gegenüber RXi 2.0 16V) und höherer Luftwiderstand bemerkbar. Der Motor läuft im oberen Bereich rau und macht viel Lärm. Bei 4200 Touren (etwa 140 km/h im fünften Gang) nervt eine kräftige Dröhnfrequenz. Dafür bleibt der Verbrauch mit 9,6 Litern im Rahmen.
Tribut für die Gelände-Ambitionen des Scénic ist an anderer Stelle zu zahlen: Vom hohen Fahrkomfort der zivilen Version blieb ein guter Teil auf der Strecke. Der RX4 fährt steifbeinig über Bodenwellen, wirkt in seinen Reaktionen behäbiger als der Basis-Scénic. Immerhin: Die Fahrver-suche meisterte er gelassen, nur die zähe Lenkung stört.
Weniger störend: der Preis. 44000 Mark und damit 4000 Mark mehr als der normale RXi 2.0 16V. Nicht zu viel für Allradantrieb, große Räder sowie die diversen Anbauten und Ausstattungsmerkmale. Die Alles-inklusive-Version Luxe bringt es auf 49000 Mark. Ach ja, wir warten jetzt noch auf die Cabrioversion des Gelände-Vans. Denn Schluss ist doch bestimmt noch lange nicht. Dirk Branke

 Karosserie/Innenraum  Geräumige Karosserie mit hoher Variabilität, mittelgroßer Gepäckraum, dazu außergewöhnlich viele Ablagen und Staufächer, ordentliche Verarbeitung.

 Motor/Getriebe  Ab mittleren Drehzahlen rauer Vierzylinder, Fahrleistungen ausreichend, gegenüber Zivilversion mit gleichem Motor deutlich schlechter, Verbrauch akzeptabel.

 Fahrwerk/Sicherheit  Behäbiges, aber sicheres Kurvenverhalten, zähe Lenkung, anfällig für Seitenwind, durchschnittliche Bremsen, umfangreiche Sicherheitsausstattung.

 Komfort  Harte Federung mit straffer Dämpfung. Weiche Sitze mit wenig Seitenhalt, hohes Geräuschniveau, praktische Bedienung, luxuriöse und komplette Ausstattung.

 Preise/Kosten  Der Preis des RX4 Luxe sprengt den Rahmen des Marktsegments, ist bei der Basisversion aber für Idee und Machart angemessen. Normale Unterhaltskosten.
 

Fazit
In der Stadt praktisch, im Sand mobiler als normale Vans, dazu noch nett ausgestattet - ein neuer Autotyp ist da. Schluss ist erst beim Wunsch nach viel Komfort und Tempo.
dhm

Technische Daten

Motor Vierzylinder-Benziner
Hubraum 1998 cm3
Leistung 102 kW (138 PS)  bei Drehzahl 5500/min
Drehmoment 188 Nm bei 3750/min
Getriebe 5-Gang manuell
Antrieb Allrad
Bremsen (vo./hi.) Scheiben/Scheiben
Testwagenbereifung 215/65 R 16 T
Serienbereifung 215/65 R 16 T
Kofferraum 410/1800 l
Tankinhalt 60 l
Länge/Breite/Höhe 4424/1778/1720
Wendekreis 11,4 m

Strapazierfähig: Lederpolster
serienmäßig, dazu Mittel-armlehne vorn und (bei Bedarf) gekühltes Staufach in der Mittelkonsole. Aufgefrischte Farben, Armaturen-Oberseite jetzt in elegantem Schwarz - statt in Staubgrau

TESTWERTE

Beschleunigung

0 - 100 km/h

13,3

[ s ]

Elastizität

80 - 120 km/h (5. Gang)

21,6

[ s ]

Höchstgeschwindigkeit

 

178

[ km/h ]

Bremsweg

aus 100 km/h

41,1

[ m ]

Testverbrauch

Super

9,6

[ l/100 km ]

Preis

 

49000

[ DM ]


Reifen (Michelin XPC) für Straße und Gelände, Alus sind Serie


Typisch Scénic: Die Einzelsitze in der zweiten Reihe lassen sich klappen, kippen, ausbauen. Kofferraum 410 bis 1800 Liter, dazu nochmal 110 Liter in Staufächern

SERIEN-AUSSTATTUNG

adaptive Airbags für Fahrer und Beifahrer  Seitenairbags für Kopf
 und Brust  E-Fenster  E-Spiegel  Klimaautomatik  RDS-Radio  Nebelscheinwerfer  Lederpolster  ZV mit Fernbedienung  16-Zoll-LM-Räder  Bordcomputer

EXTRAS

Dachgalerie 350 Mark  Metallic-Lack 650 Mark  Rammschutz vorn 450 Mark  Scheinwerferreinigungsanlage 350 Mark  Sitzheizung vorn 600 Mark  zwei el. Schiebedächer 1700 Mark  Radio mit CD-Wechsler 600 Mark

Quelle: AUTO BILD Ausgabe 29/2000)